Feiertagsspaziergang


Freitag 03. Oktober 2008 neun Uhr morgens. Sonne, Wolken und trocken, bestes Wetter für einen ausgiebigen Spaziergang mit Jay und Lyn. Kurz überlegt, welche Runde wir gehen, die Mielenforstrunde, die ist gut. Ab in die Klamotten, Halsbänder um, Leine umgehangen und Schuhe an. Beim Zubinden der Schuhe kurzes Nachdenken, Freitag, ich hab frei, da war doch was, am dritten Oktober,...oha, Wiedervereinigung, Tag der Deutschen Einheit, Feiertag, Sonn und Feiertagsspaziergänger, Feindberührung.
In Gedanken schnell noch mal den ganzen Weg durchgehen. Merheim durch den Ort, kein Problem, ab in den Bruch, kein Gelände für den Feiertagsspaziergänger, danach weiter auf ziemlich rustikalen Feldwegen, auch kein Thema, ab in den finsteren Wald, wieder auf Feldwegen weiter. Soweit so gut. Aber jetzt, Mielenforster Kirchweg, ca. 700 m kombinierter asphaltierter Rad-/Wanderweg, bestes Gelände für Kontaktaufnahme die ich eigentlich nicht brauche. Nun gut, ich werde die Teilstrecke nutzen und mit Jay und Lyn noch mal Leinenführigkeit und Fuß gehen üben, um dann wieder in den nächsten Wald abzutauchen. Danach noch mal ca. 500 m mit erhöhtem Risiko der unerwünschten Begegnungen, am Bach vorbei mit der Möglichkeit einer Pause, und dann ab über wilde Wiesen, wieder zurück nach Merheim. Müsste eigentlich klappen.
Also, Schuhe zu und los, wie gedacht, durch den Ort, ab in den Bruch, auf Feldwegen bis zum Wald, raus aus dem Wald, wieder auf Feldwegen Richtung Mieleforster Kirchweg. Es ist kaum zu glauben, wir kommen doch tatsächlich ohne Probleme das ca. 700 m lange Teilstück Mielenforst bis zum nächsten Wald, kein Radfahrer, kein Spaziergänger oder Jogger der sich belästigt fühlt. Es ist ruhig, zu ruhig. Hab` ich mir etwa umsonst die Gedanken gemacht. Nun gut, schön das wir soweit gekommen sind. Ich genieße die Schönheit des Waldes, meine Mädels toben wie wild durchs Unterholz, alles ist fein. Am Ende des Waldweges sehe ich dann ein kleines Kind mit seinem Laufrädchen uns entgegen strampeln. Helm, Schutzkleidung, ich wußte gar nicht das es die auch für so kleine Kinder gibt.
Die Eltern draußen auf dem Wanderweg versuchten ihren kleinen Liebling davon zu überzeugen, das er vom Weg abgekommen sei. Es ist ein hin und her von komm jetzt her, und nein ich will nicht. Der gemeinsame Weg der Familie schien sich hier zu trennen. Ein Pfiff, Kommando hier, und meine Mädels waren bei Fuß. Jetzt hatten auch die Eltern mich und meine Hunde wahr genommen. Im Laufschritt wurde der Vater, ich nehme mal an das es der Vater war, dem Kind zur Hilfe geschickt und an mich kam die Anweisung „leinen sie bitte die Hunde an“. Oh man, was für ein Tonfall. Eigentlich höflich, aber dieser Ton, irgendwie kam das richtig scheiße bei mir an. Meine beiden Hunde im Sitz links und rechts neben mir, gab ich der Mutter zu verstehen das ich die Situation abwartend stehen bleiben würde. Der Vater intensiv damit beschäftigt seinem Mini-Astronauten klarzumachen das er vom Kurs abgekommen sei, kam nochmals vom Wanderweg an mich gerichtet die Ansage, „leinen sie bitte die Hunde an“.
Unter meiner Basi Cap schien sich eine dicke dunkle Wolke aufzubauen, ruhig,aber durchaus klar, versuchte ich rüber zu bringen das meine Hunde im Gehorsam seien und das reichen müsse. Irgendwie schien mir in absehbarer Zeit keine Klärung zwischen Vater und Kind in Aussicht zu sein, und eigentlich wollte ich noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder Zuhause ankommen. Mit Blickkontakt zwischen dem entnervten Vater und mir entschieden wir uns dafür das ich mit meinen Hunden an ihm und seinem Satansbraten vorbei gehen würde. Mit einem freundlichen Danke, fand mein mit den Mädels bei Fuß an dem Brennpunkt vorbeigehen, beim Vater die entsprechende Anerkennung, welche ich mit Kopfnicken zur Kenntnis nahm. So jetzt noch an Mama vorbei, bloß die Klappe halten, einfach weiter, darauf achten das die Hunde bei mir bleiben, Klappe halten und weiter.
Doch Scheiße, auf gleicher Höhe bei Mama angekommen, ich höre mich reden, so von wegen, Angst, Angst auf Kind übertragen, und noch so einige Bemerkungen wie, Umfeld mit den eigenen Ängsten belasten. Ich wollte doch die Klappe halten, aber nee. Ja, sie habe Angst vor Hunden, und ich hätte doch gefälligst die Hunde anzuleinen wenn sie mir das sagte. Das war`s, wenn meine Kappe nicht durch meinen Zopf am wegfliegen gehindert worden wäre, hätte sie schon mal in Merheim unser baldiges Eintreffen angekündigt. Es gab ein heftiges Hin und Her, wobei meine Argumente genau so wenig bei Mama ankamen wir ihre bei mir. Um den Dampf etwas aus der Auseinandersetzung zu nehmen versuchte ich ihr in Ruhe rüber zu bringen, das es doch im Interresse ihres Kindes und aller Menschen in ihrem alltäglichen Leben sei, an den Ängsten zu arbeiten.
Als Antwort kam: „Ja was meinen Sie denn was ich hier mache und warum ich hier stehe.“ Ooo !! Ich bin also am hellichten Tag, bei bestem Wetter, ca. 150 m von der Zivilisation entfernt, an einem Waldrand, auf einem Feldweg, einem erwachsenen Menschen mit meinen Hunden in die therapeutische „wir gehen spazieren“ Sitzung gelaufen. Ich entschuldige mich, zugegeben mit entsprechender Zynik, für mein Unvermögen an Weitsicht und frage, auch wieder zugegeben mit spitzer Zunge, ob es denn schon erste Erfolge gäbe. Angezogen von dem Tam Tam, stand plötzlich ein zweiter kleiner Astronaut mit Rädchen und Väterchen vor mir, der so wie es schien, seiner ziemlich lauten Argumentation, durch Körperkontakt mit mir, Nachdruck verleihen wollte.
In Sorge, ob meine doch eigentlich gut erzogenen Hunde das schon als Angriff auf ihren Rudelführe werten könnten, versuchte ich den Hitzkopf auf die Gefahr in der er sich begab, aufmerksam zu machen, und empfahl ihm, etwas Besonnenheit und Ruhe zu bewahren. Jetzt bekam ich so langsam eine Vorstellung von Meuteverhalten. In kürzester Zeit bildete sich eine Menschentraube, ich glaube sechs bis acht Personen, von denen aber auch jeder etwas dazu beitragen wollte. So, dachte ich, jetzt mal schön den Ball flach halten, Jay lag mittlerweile gelangweilt rechts neben mir und Lyn schien im Sitz auf meiner linken Seite die ganze Sache mit Interesse zu verfolgen. Kurzer Hand entschloß ich mich zu einem kostenlosen Seminar in Sachen Landeshundeverordnung, „Sozialverhalten der Hunde“, „Wer hat Angst vorm bösen Hund“ und die wichtige Rolle unserer Medien in Sachen „Beißvorfälle von Hunden polizeilich bekannter Hundehalter“.
Ich bat alle anwesenden Personen sich in einem Halbkreis aufzustellen, „wegen der Verständigung“, stellte mich kurz vor und legte los. Aber irgendwie war das Interesse, ich mußte an den Besuch der sechsten Klasse der Hauptschule Kurt Tucholsky auf meinem Hundeplatz denken, nicht besonders groß. So schnell wie sich die Menschenmasse gebildet hatte, war sie auch wieder aufgelöst und ich stand mit der Mutter von Klein-Armstrong und dem Vater, der bis auf das Danke, bei unserem Vorbeigehen an ihm und seinem Kleinen noch kein Wort gesagt hatte, wieder alleine da.
Wegen der jetzt doch zu geringen Anzahl von Teilnehmern, die, wie ich glaubte, das irgendwie auch nicht besonders zu interessieren schien, beschloß ich das Seminar zu beenden, mit dem Hinweis, das man bei mir, natürlich kostenpflichtig, gleiches auch buchen könne. Den fragenden Blicken nach zu urteilen, war auch da kein wirkliches Interesse vorhanden, sodaß für mich der Zeitpunkt gekommen schien, meinen Spaziergang fort zu setzen. Mit einem freundlichen Lächeln wünschte ich der Familie noch einen schönen Feiertag, Kommando, Jay Lyn Fuß, und los. Im weiteren Verlauf der Wanderung blieb alles ruhig, klar, wilde Wiese und so. Aber eigentlich hatt doch alles gut geklappt.
Gerd Hammermann